Schacht Konrad

Glück Auf!

Wer im Ruhrgebiet lebt kommt ja um den Bergbau nicht herum. Da es aber hier keine aktiven Zechen zu besichtigen gibt, habe ich mich auf den Weg nach Salzgitter zum Schacht Konrad gemacht.

Hier wird / wurde allerdings Erz abgebaut und keine Kohle. Statt schwarzen Staub hat man also Roten.

 

Das meistgehörte Wort heute ist: Glück Auf! Woher kommt dieser Ausspruch?

Es ist der deutsche Bergmannsgruß. Er beschreibt die Hoffnung, dass sich Erz- oder Kohlegänge auftun. („Ich wünsche Dir Glück, tu einen neuen Gang auf.“) Zum Zweiten wird mit diesem Gruß der Wunsch für ein gesundes Ausfahren aus dem Bergwerk nach der Schicht verbunden.

Unsere Besuchergruppe kommt am Gelände des Schachts Konrad an und wird einzeln mittels Personalausweis registriert. Wir bekommen einen Ausweis und die Instruktion als Gruppe zusammen zu bleiben und sich nicht alleine auf dem Gelände zu bewegen.

Dann werden wir zu einem Besucherraum geführt, wo sich uns ein Geologe vorstellt der die Führung „unter Tage“ mit uns macht.

Im Schacht Konrad wird nun kein Erz mehr gefördert, weil es eine minderwertige Qualität hat. Es gibt aber unzählige intakte Stollen und das Erdreich drum herum ist so stabil und von der richtigen Beschaffenheit, dass hier ein Endlager für radioaktive Abfälle der einfachen bis mittleren Kategorie eingelagert werden sollen. Im Infofilm sieht natürlich alles super aus. In mir kommt aber direkt der Gedanke hoch: Lieber erst gar keine Radioaktiven Müll produzieren, als hinterher einlagern. Aber das ist ein anderes Thema.

Auf der Karte sehen wir, dass unser Schacht ganz nah an Lengende liegt. Mir kommt sofort der Film „Das Wunder von Lengende“ in den Sinn. „Vielleicht sind die im alten Mann.“ Solche Sätze höre ich einmal und vergesse die nie wieder. Und den Film auch nicht.

Wir bekommen eine Instruktion für den Sauerstoff-Selbstretter. Sollte es zu dem sehr unwahrscheinlichen Fall kommen, dass das Wetter unter Tage nicht richtig abläuft dient dieser Selbstretter als Fluchtgerät. Als Wetter bezeichnet man im Bergbau, alle sich in der Grube befindlichen Gase. Also grob gesagt, Frischluft (Sauerstoff), verbrauchte Luft und Gase. Ich möchte da hier nicht weiter ausführen, aber vereinfacht kann man sagen, dass an einer Stelle frische Luft in die Grube rein geblasen wird und an anderer Stelle abgesaugt wird. Dadurch entsteht ein Wind. Das Wetter. Der Sauerstoff-Selbstretter sieht abenteuerlich und wie ein Relikt aus fernen Zeiten aus. Wir müssen alle so einen bei uns führen.

Nach diesen Grundinformationen werden wir nach Geschlechtern getrennt in zwei Kauen (Umkleideraum) aufgeteilt. Dort liegt Wäsche für uns bereit. Eine Garnitur herrlichster Feinripp-Unterwäsche. Auch für uns Damen gibt es nur Männerwäsche. Also Unnerbuchse mit Beinansatz und Eingriff. Wollt ich immer schon mal anhaben. 😉 Wollsocken und dann den Overall. Sicherheitsschuhe und Helm nicht vergessen.

So kommen wir draussen wieder zusammen. Hier bekommen wir den Sauerstoff-Selbstretter. Mann! Ist der schwer. Die Grubenlampe. Und einen Kopfhörer. Dann bekommen wir noch die Wetterjacke, weil es wohl bei der Abfahrt recht frisch werden soll. Man hat uns ja gesagt, dass es unter Tage sehr warm werden soll, aber so eingepackt wie ich bin, schwitze ich jetzt schon. Und dann behangen wie ein Christbaum.

Wir tappern als Gruppe zusammen Richtung Aufzug. Das ist der Teil auf den ich am meisten gespannt bin. Die Seilfahrt wie das richtig heisst. Und nicht Aufzug, sondern Förderkorb.

Auf die Seilfahrt warten schon 10 Angestellte. Pro Fahrt dürfen nur 19 Personen in den Korb. Wir sind zuviele. Unsere Gruppe muss schon in zwei Schichten runter und mit dem 10 Jungs wird es zu einer dritten Fahrt kommen. Unser Geologe sagt, dass wir für Punkt 10:00 Uhr als Besucher angemeldet sind und die Jungs dann als letzte fahren müssen. Das gibt Anlass zur Diskussion. „Weisse, wie lange das dann dauert? Dann fahr‘ ich gar nich‘ mehr ein.“ Herrlich, ich fühle mich heimisch. Wir haben natürlich das Vorrecht. Wir quetschen uns  mit einem reuevollen Glückauf vorbei und besteigen den Fahrkorb.

Im Gegensatz zu einem Aufzug baumelt der etwas frei und lässt auch eine gut 20cm breite Lücke zu unserem festen Boden. Den Blick durch die Lück ersparrt man sich lieber. Auch haben wir es hier nicht mit einer Aufzugskabine zu tun. Es ist wie gesagt ein Korb. Das heisst, ein Kasten aus Lochblech. Über Tage kann man also noch das Umfeld sehen. Nicht-Brillenträger sollen jetzt bitte das Visier im Helm runterziehen um die Augen zu schützen. Neben mir steht ein „alter Hase“ und sagt noch: „Wenn ich das nicht gewohnt bin, soll ich den Mund offen lassen. Wegen des Drucks.“

Früher gab es bestimmte Schläge (Signale) für den Förderkorb.

1 Schlag = Halt!

2 Schläge = Auf!

3 Schläge = Hängen!

4 Schläge = Seilfahrt!

Heute gibt es nur ein schrilles Läuten und es geht los.

Und zack! Ist es Stockdunkel. Die Lampen macht man nur an wenn man es wirklich braucht. Schwarz. Nichts als schwarz. Und windig. Es rappelt ein wenig. Wir haben unsere Kopfhörer an und eine unsichtbare Stimme teilt uns mit, dass wir 4m pro Sekunde machen. Früher hätten die sogar 10m in der Sekunde gemacht. Wir fahren bis auf ca 1200m runter. Auf der Strasse kann ich mir einen Kilometer vorstellen. Aber nach unten…. Das bekomme ich nicht wirklich hin. Über 1000m unter der Erde. Irre.

Unten angekommen sieht es aus, wie in einem überdimensionalen U-Bahnschacht. Die Wände sind hellgrau (Spritzbeton) und der Boden ist rote Erde. Wir sollen einen „Gang“ weiter, wo unsere Fahrzeuge für uns bereits stehen. Die ersten Fotomaniaks (diesmal nicht ich)  sind in Aktion und werden rüde zusammen gepfiffen, weil die Gruppe nicht zusammen bleibt. Wir teilen uns in zwei Fahrzeuge auf. In 4er-Reihen sitzen wir in einem offenen Wagen. Erinnert so ein bisschen an Space-Mountain aus dem Phantasialand. Wir fahren durch ein Labyrinth aus Gängen und Rampen zwischen Sohle 3 und 4.

Es gibt verschieden Arbeitsbereiche. Messstationen, Auto-Werkstätten, Bremsteststrecken usw. Manche Fahrzeuge sind so groß, dass deren Räder fast so groß sind wie ich.

Wir machen an 3 Stellen einen Stop, an denen wir auch mal Aussteigen dürfen.

Einmal in der Autowerkstatt, dann in einem Inforaum“ und an einer Gabelung, wo gerade an einem Tunnel gegraben wird.

Der Info Raum ist eigentlich ein, durch ein Tür abgeschlossener Gang. Die Lüftung wird abgestellt damit wir uns besser verständigen können. Jetzt erst merkt man, dass wir die ganze Zeit Wind auf den Ohren hatten. Und ohne Lüftung wird es ratz fatz muckelig warm. Hier gibt es Schautafeln und Sitzbänke. Man erklärt uns wo wir die ganze Zeit lang gekurft sind und an welchen Stellen später das Material eingelagert werden soll.

Mir macht das fahren durch die Gänge total Spaß. Da würde ich selber gerne mit nem Geländewagen durchfahren.

Dann geht es zurück zur Seilfahrt. Wieder Visiere runterklappen und Glückauf. Ganz im Dunkeln zu fahren hat schon was. Das schärft die Sinne für anderes. Auf den letzten Metern spürt man plötzlich, dass es deutlich kälter wird und der Wind kommt ganz plötzlich als wir oben ankommen.

Ich hatte ja schon das Vergnügen am Schildvortrieb beim U-Bahnbau unten dabei zu sein und habe auch schon einen echten Kohleschacht gesehen. Hier im Schacht Konrad war mir das viel zu weitläufig und zu sauber. Aber die Seilfahrt ist das Beste. Und es ist sehr informativ.

Vor der Kaue geben wir das ganze Material zurück und können uns in der Kaue wieder umziehen.

Zum Abschluß gibt es noch für alle einen Teller Nudelsuppe und wir dürfen so viel Fragen stellen wie wir wollen.

Ein interessanter Tag.

In diesem Sinne Glück Auf!