Truck Tracks

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Wieder mal eine absolut tolle Idee das Ruhrgebiet zu erkunden.

Diese Truck Track Tour geht durch Mülheim.

Da gibt es einen umgebauten LKW. Die Ladefläche ist mit 3 Sitzbankreihen ausgestattet und eine Seitenwand des LKWs ist mit Glaselementen versehen. Knapp 20 Leuten finden hierin Platz. Wir schnallen uns an und werden instruiert die Tour schweigend zu genießen, weil es eine Gesamtinszenierung gibt. Und dann geht es los.

Wir sitzen als quer zur Fahrtrichtung. Der Truck fährt los. Zu Beginn unserer Tour ist die Glaswand mit einer Leinwand verdeckt. Auf der Leinwand läuft das Bild, als ob wir auf die Straße gucken würden. Es zeigt genau die Straße auf der wir uns befinden. Mir ist etwas flau im Bauch, weil ich mich erst an das quer zur Fahrtrichtung Sitzen gewöhnen muss. Außerdem passen die realen Ampelstopps nicht immer mit dem Bild zusammen. Witzig. Nach kurzer Zeit gewöhne ich mich daran und kann mich ganz auf das Szenario einlassen.

Dann der erste Stopp. Die Leinwand fährt nach oben. Wir halten am Busbahnhof am Mülheimer Bahnhof. Die ersten Lacher kommen auf. Anscheinend können uns die Wartenden an der Bushaltestelle nicht sehen. Sie gucken nur verdutzt, was das wohl für ein LKW ist. Aber ansonsten habe ich das Gefühl, dass die Menschen durch uns hindurch gucken. Merkwürdige Situation. Nur ein Junge redet ganz aufgeregt mit seiner Mutter und zeigt immer wieder zu uns und dem Truck. Hören können wir nichts. Wir können nur selber von der anderen Seite der Glasscheibe schauen und uns unsere Gedanken dazu machen. Dann fasst sich die Mutter ein Herz und kommt auf unseren Truck zu und versucht hineinzuschauen, aber sie sieht wohl nichts. Wir aber sie. Das ist so lustig. Wir lachen. Wie im Film, wenn Leute vor falschen Spiegeln stehen.

Dann fahren wir weiter. Jetzt ohne Leinwand vor der Nase, so dass wir das wirkliche Bild der Straße vor uns haben. Das tut gut. Das ist wesentlich angenehmer für den Magen.

Dann geht die Leinwand wieder unter und zeigt wieder Stadtansichten. Die Kameraführung ist immer wie aus dem Fenster geguckt. Nur seitlich. Die ganze Zeit spielt dazu ein Musikstück. Ich weiß nicht genau, wodurch das Gefühl kommt, aber ich bin merkwürdig entrückt von der Stadt und dem Straßenverkehr. Zwar bin ich mittendrin, aber irgendwie auch davon losgelöst. Kommst es durch meine ungewohnte Sitzposition? Dadurch, dass ich nichts von typischen Geräuschen aus dem Straßenverkehr mitbekomme? Durch die Hintergrundmusik die mich irgendwie von der Szenerie loslöst? Viele Fragen, aber ich suche nicht wirklich nach Antworten, weil ich es einfach genieße, wie es ist. Losgelöst. In mir kommt der Begriff Paralleluniversum auf. Irre.

Es gibt die unterschiedlichsten Stopps. Immer wieder erreichen wir diese bei runtergelassener Leinwand, so dass jeder Halt eine Überraschung ist. Man spürt förmlich, wie alle Teilnehmer grübeln, wo wir wohl jetzt gerade halten. Welches Bild erwartet uns wenn sich der „Vorhang“ hebt? Untermalt werden diese Stopps mit kleinen Geschichten die zum jeweiligen Szenario passen.

Wir halten an einer großen Autowaschanlage. Genau dort, wo Autofahrer ihren Wagen selbst abbürsten dürfen. Es ist Freitag Abend. Also einiges los. Wir lachen uns wieder schlapp, wie hingebungsvoll sich manche dem Prozess des Autowaschens widmen.

Bei dem Stopp beim Röhrenwerk erschrecken wir regelrecht. Wir sind relativ nah an einem Bagger der riesige Röhren verlädt. Nach dem er damit fertig ist, fährt er auf uns zu. Und da wir uns ja irgendwie unsichtbar fühlen haben wir kurz Angst, dass er in uns reinfährt. Wir Lachen über uns selbst, weil ja ein Truck nun wirklich nicht zu übersehen ist.

Einer meiner Lieblingsstopps ist der Parkplatz eines großen Supermarktes. Wir haben das unglaublich Glück direkt vor einem PKW zu stehen bei dem gerade die typische Familie (Mutter, Vater, Kind) ihren Wochenendeinkauf in den Kofferraum packen möchte. Alltags-Comedy vom Feinsten. Erstaunlich wie lange und umständlich man sich dieser Tätigkeit hingeben kann. Loriot hätte das nicht besser inszenieren können.

Weiteres Highlight ist der Stopp vor der Hauptfeuerwache der Stadt. Wir stehen direkt vor dem kompletten Fuhrpark der Rettungsfahrzeuge. Natürlich mit dem notwendigen Abstand. Beeindruckend. So viele Fahrzeuge. Und wieder geht das Kopfkino los. Was, wenn jetzt ein Einsatz kommt? Wir verlassen gerade das Gelände, als wirklich ein Einsatz kommt und einige Wagen losfahren. Die Vermischung von unserem privaten Kino und der Realität.

Ich bin seltsam entrückt von Raum und Zeit. Ich habe überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Die Fahrt mit freier Sicht auf den Straßenraum bietet mir so viele typische Bilder des Alltags und des Ruhrgebiets. Aufgrund unserer „Unsichtbarkeit“ sind die Menschen die ich beobachte ganz bei ihrem Tun. Ich möchte aus diesen Bildern in meinem Kopf gerne 1000 Fotos machen.

Ein absolut fantastisches Erlebnis. Danke.