Kohltour

Man(u) braucht ja nicht bis an das Ende der Welt zu reisen um kulturelle Unterschiede zu entdecken. Die gibt es auch innerhalb Deutschlands. So hab ich mich letztens auf den Weg ins Oldenburger Land begeben und dort an einer Kohltour teilgenommen. Diese Kohltouren finden hauptsächliche im Januar und Februar statt. Halt, wenn es Grünkohl gibt.  Für mich ging direkt nach Oldenburg City, die selbsternannte Kohl-Tour-Hauptstadt.

Tja, was denn Skifahrern  das beliebtestes Skigebiet in Hinblick auf den Aprés Ski ist, dass ist den Niedersachsen Oldenburg für die Kohltour.

Aber nun zu der Erklärung was da eigentlich abgeht. Wir kennen das ja im Ruhrgebiet gar nicht.

Natürlich kennen wir den Grünkohl und essen diesen auch gerne, aber bei uns gibt es vor dem Essen kein Programm. Und schon gar keines bei dem sich erwachsene Menschen mit einem Bollerwagen – gespickt mit diversen Alkoholika – auf den Weg machen, um dann bei fragwürdigen Spielchen diesen Alkohol möglichst schnell und ausreichend zu konsumieren.

Ich muss gestehen, es war bereits mein drittes Mal. Mir macht das echt Spaß.

Aber der Reihe nach.

Wie bei vielen schönen Dingen geht die Planung bereits im Vorjahr los, spätestens aber im Spätsommer, da man Karten für dieses Event möglichst frühzeitig kaufen muss, um überhaupt noch einen Platz zu bekommen. Wie 99% der Gruppen die daran teilnehmen sind wir alle Wiederholungstäter. Einmal Kohltour immer Kohltour. Außerdem ist es ja auch Tradition einen bestimmten Titel weiterzugeben. Aber dazu später.  Es müssen auch Gruppen sein. Einzelpersonen gibt es da gar nicht und auch Paare sind sehr wenig vertreten. Entweder gibt es geschlechterspezifische Gruppen – reine Mädels- oder Männergruppen – oder aber Gruppen ähnlich der Kegelclubs oder Stammtische. Vermischung zu späterer oder auch früherer Stunde größtenteils gewünscht. Wie gesagt, sollte man frühzeitig buchen. In und um Oldenburg gibt es diverse große Lokalitäten die sich auf dieses Event spezialisiert haben. Diese liegen meistens sehr ländlich gelegen, wir aus dem Ruhrgebiet würden sagen: am Arm der Heide. Aber das muss in diesem Fall so sein, weil man ja mit seinem Bollerwagen eine Tour im Umfeld dieses Lokals machen muss.

kohltour-3Der Bollerwagen. Auch so eine Sache. Da gibt es die coolsten Gefährte überhaupt. Manche Gruppen sind da bestens ausgestattet. Mit Boxen für die Musik und Partybeleuchtung, weil es ja doch früh dunkel wird, usw. Grundausrüstung ist aber ein Bollerwagen mit 4 funktionierenden und aufgepumpten  Rädern den man auch im beladenen Zustand gut hinter sich herziehen kann. Der Inhalt des Wagens muss auf jeden Fall etwas Hochprozentiges enthalten. Dies ist sehr wichtig. Denn schließlich darf man nach einem für den Laien nicht nachvollziehbaren Rhythmus alle paar Meter stehen bleiben und sich als Sieg- oder Trostprämie – je nach dem – einen dieser sogenannten „Kurzen“ einverleiben. Je nach Lust und Laune der Gruppe werden diese Stopps an so entscheidenden Wegpunkten wie:  Riss im Asphalt, Laterne, Straßenschild, Lattenzaun am Feld (für den Ruhri: hier auch alle paar Meter anzutreffen) oder aber weil es irgendeiner einfach ausruft, eingelegt. Der Profi trägt sein Pinneken an einem Bändel um den Hals. Das macht es einfacher. Aufgrund der vielen Stopps kommt man also nicht wirklich weit. Das ist bei der Streckenplanung zu berücksichtigen. Anfangs gibt es ambitionierte Pläne, welche große Tour man denn diesmal wirklich in Angriff nehmen wolle um dann recht schnell den Plan B, C und D aus der Tasche zu ziehen und die Streckenlänge permanent zu überdenken. Was zu vorgerückter Stunde auch nicht mehr so einfach ist. Liegt halt an den schlechten Straßenverhältnissen und den mit „Kurzen“ zu betrauernden Rissen. Also wählt man am besten ein Karree um das Restaurant, wo man später einkehrt. Wie bereits erwähnt darf man sich aber die Getränke nicht immer nur aufgrund der Streckenbeschaffenheit einfach so einverleiben. Nein. Man darf sich auch regelmäßig zum Horst (Entschuldigung an alle die Horst heißen) machen. Das heißt, auf offener Straße (keine Angst wir sind auf Gehwegen und spärlich befahrenen Straßen unterwegs) diverse Spielchen betreiben. Diese sind aufgrund des übergeordneten Trinkprogramms recht simple gestaltet. Hauptziel ist aber meistens irgendeine Entfernung meisterlich zu absolvieren. Wenn man schon zu Fuß nicht wirklich voran kommt.  Man darf zum Beispiel einen Zahnstocher durch einen Strohhalm soweit es geht über´s Gelände treiben, oder leere Pringels Dosen zwischen die Knie nehmen und durch kontrolliertes und kräftiges Zusammendrücken der Knie so weit wie möglich nach vorne katapultieren. Steigerung des Schwierigkeitsgrades ist wenn man dies dann noch in einer Art Staffellauf absolvieren darf. Hier zählt auf jeden Fall der olympische Gedanke: Dabei ist alles. Und: Darauf erst Mal einen „Roten“! Der „Rote“ ist ein beeriges, hochprozentiges und sehr leckeres Etwas und hält für so manches her. „Bevor wir losgehen erst einmal einen Roten.“ „Erste Kurve: Darauf mal einen Roten.“ „Gruppe gelb hat gewonnen, dafür habt ihr Euch die nächste Runde Roten verdient“. „Die blauen haben verloren dafür bekommt ihr als Trost nen Roten.“ Usw usw. Dieser muss also reichlich eingekauft und auch mitgenommen werden….! Manchmal versuchen wir bei der Planung so wahnsinnig vernünftig zu sein und wirklich realistische Mengen abzuschätzen. Na ja. Dieses Mal war wieder der Glühwein definitiv zu wenig. Man hat ja sehr oft das Glück, das es zur Kohltour echt kalt ist. Die Jungs trinken bestimmt ihr Bier. Das kann man(n) ja unabhängig von allen äußeren Umständen zu sich nehmen. Wir hatten allerdings schon letztes Jahr die Befürchtung Gefrierbrand auf der Lunge zu bekommen, so dermaßen kalt war das Bier vom Bollerwagen. So haben wir beschlossen statt des Bieres mehr Glühwein mitzunehmen. Tja, was soll ich sagen? Es war wieder a…kalt und der warme Rebtrank war doch recht schnell zur Neige. Das Beschaffungsmanagement sollte überarbeitet werden. Nun denn, wir Mädels bekommen das ganze Outdoor-Programm auch gut mit weniger Promille hin und unser Spaßfaktor ist ebenfalls sehr hoch. Irgendwann geht es dann zurück zur Gaststätte. Hier sieht man nun auch anderen Gruppen die sich teilweise schon in einem bedenklichen Zustand befinden. Aber alle freuen sich jetzt endlich wieder ins Warme zu kommen. Hier ist es so, dass bei der Einlasszeit auch wirklich alle da sind und die Leute nicht so kleckerweise ankommen. Es gibt lange Gruppentische mit Namensschildern. Es muss nicht der profane Nachname sein, sondern es gibt auch sehr interessante Phanstasienamen. Nachdem sich alle eingerichtet haben wird man offiziell begrüßt. Jede Gruppe einzeln.

Man zahlt einen Fixpreis für die ganze Veranstaltung. Das macht die ganze sehr einfach. Und aus diesem Grund geht auch die Getränkeverteilung recht flott. Jetzt im Warmen schmeckt auch das Bier. Es müssen natürlich die ganze Zeit noch weitere „Rote“ und „Grüne“ getrunken werden. Schließlich muss man auf den schönen Tag, die Kohltour, das Wetter und was auch immer anstoßen. Die Bedienungen machen sich natürlich aufgrund der Fülle nicht die Mühe jedes Pinneken einzeln auf dem Tablett an die Tische zu balancieren, sondern es werden direkt ganzen Flaschen auf den Tisch gestellt. Das war für mich beim ersten Mal echt erstaunlich. Sowas kenne ich bei uns nicht. Aber im Nachhinein macht es echt Sinn und meine ortsansässigen Mädels waren darüber auch nicht die Spur irritiert. Dann kam auch recht flott die Vorsuppe. Ahhhh, was warmes im Bauch. Lecker. Die Suppe wurde am Tisch serviert aber das eigentliche Essen: nämlich den Grünkohl, weswegen wir ja alle hier sind wird in Buffetform angeboten.

kohltour-1Dieses wird feierlich rein gerollt und in der Mitte des Raumes (später unsere Tanzfläche)  aufgestellt. Es gibt Grünkohl mit Kassler und Pinkel. Und seit einiger Zeit auch vegetarisches. Ah, ich sag Euch, das tut gut jetzt etwas Herzhaftes zu essen. Und ich mag Grünkohl mit Pinkel. Aber ich halte mich zurück. Schließlich startet nach dem Buffet direkt der DJ sein Programm. Und da heißt es tanzen bis die Füße qualmen. Man könnte meinen wir alle hätten ewig nichts zu essen bekommen. Jedenfalls ist das Buffet ratz fatz weggefuttert. Vom Nachtisch hab ich bis jetzt so gut wie noch nie was abbekommen. So schnell kann ich das alles nicht in mich rein spachteln.

Na ja, ist auch nicht tragisch. Ich muss eh aufpassen nicht zu viel zu essen, obwohl es so lecker ist. Denn schließlich wird das Buffet dann genauso schnell auch wieder abgeräumt wie es aufgebaut wurde und dann geht es auch schon zackig zum nächsten Programmpunkt. Der Eröffnungstanz des Kohlkönigpaares.

kohltour-2Ja, es gibt den Kohlkönig und die Kohlkönigin. Viele tragen diesen Titel und auch die dazugehörige Kette mit Stolz, einige wenige versuchen diesen peinlichen Augenblick so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Der Kohlkönig  oder die Kohlkönigin wird entweder vom KönigIn des letzten Jahres bestimmt oder aber ausgelost oder wieder durch ein Spielchen ermittelt. Der König oder die Königin ist hauptsächlich für die Organisation und dem Ablauf der Tour verantwortlich. Außerdem darf der  Würdenträger alles bestimmen. Auch und wie viel zwischendurch getrunken wird. Nach dem Eröffnungstanz geht es nahtlos über in allgemeines Abtanzen. Und das zu Musik der Carts mit einem deutlichen Einschlag in die Schlagerwelt. Also hier sind wir nicht weit vom Aprés Ski. Nur unser Outfit ist anders (man bedenke die Königsketten) und statt Jagertee gibt es Roten und Grünen. Für mich ist die Musikmischung in Ordnung und ich tanze bis zum Schluss. Je nach dem in welcher Gaststätte man ist hat es teilweise etwas von der Scheunenparty von Bauer-sucht-Frau. Aber auf eine nette Art und Weise. Die bereits erwähnte Durchmischung neuer Paare findet meistens auf der Tanzfläche statt. Aber das größte ist es, wenn man dazu eingeladen wird zusammen an die Theke zu gehen und dort was zu trinken. Das Date an der Theke. Auf keinen Fall setzt man sich zusammen an den Tisch und trinkt dort. Ich habe Spaß beim Tanzen und Beobachten und freue mich¸ dass schon im Vorhinein klar ist wann hier Ende ist. Punkt 1 oder 2 ist hier Zapfenstreich. Je nach Lokal. Man kann sich also sein Taxi im Voraus genau bestellen. Was auch Not tut, weil es so viel ja nicht gibt und ja alle auf einmal nach Hause oder sonst wo hinwollen. Wir Mädels buchen uns außerdem immer ein Großraumtaxi, weil wir uns Nachtlager sowieso bei einer von uns aufgeschlagen haben.

Es war wie immer nett sich auf einen Ausflug in die regionalen Geflogenheiten zu begeben.